Schutz, Denkmalpflege

Schützen bedeutet, Vorkehrungen zu treffen gegen eine Bedrohung. Bedrohungen können verschiedener Art sein - im vorliegenden Fall ist es die willkürliche oder achtlose Beseitigung von wichtigen Zeitzeugen:
Der Brühlhof mit seinem Garten und vier markante Einzelbäume sind durch ein Neubauprojekt bedroht. Geschützt sind sie durch das Gesetz:


Baureglement Art. 46
Die im Zonenplan bezeichneten geschützten Kulturobjekte sind mit ihrer charakteristischen Umgebung als künstlerisch oder geschichtlich wertvolle Bauten, Bauteile und Anlagen zu erhalten. Jede Beeinträchtigung ihres künstlerischen oder geschichtlichen Wertes ist untersagt. Das Kulturobjekt, prägende Freiräume, Bäume, Vorgärten usw. sind zu erhalten, resp. wieder herzustellen. Sämtliche baulichen oder gegen aussen in Erscheinung tretenden Änderungen sind bewilligungspflichtig. Bauten und Anlagen in der Umgebung von geschützten Kulturobjekten sind so zu gestalten, dass deren künstlerischer oder geschichtlicher Wert nicht beeinträchtigt wird.

Baureglement Art. 50
Die im Zonenplan als geschützt bezeichneten Einzelbäume und Alleen sind samt ihren Lebensgrundlagen zu erhalten. Das Erscheinungsbild der Bäume darf, insbesondere bei Rückschnitten, nicht beeinträchtigt werden. Abgehende Bäume sind zu ersetzen. Das Fällen bedarf einer Bewilligung.


Was streben Gesetzgeber und Gesetz mit dieser Regelung an?
Warum solche Schutzobjekte? Warum sie erhalten?


Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege erklärt dies so:


Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Erinnerung. Sie stützt
sich wesentlich auf Orte und Objekte.
Der Mensch braucht Erinnerung als Individuum und in seinen Gemeinschaften als Grundlage für die Gestaltung der Zukunft. Der Erinnerungsschatz des Menschen ist das geschichtliche Erbe als Ganzes. Es umfasst ortsgebundene und bewegliche Objekte sowie immaterielle Zeugnisse wie Sprache, Musik und Brauchtum. Im Prozess der individuellen und kollektiven Erinnerung spielen materielle Erinnerungsträger eine besondere Rolle. Der Mensch hat daher Anrecht auf materielle Erinnerungsträger und auf deren Erhaltung durch die Gemeinschaft. Die ortsgebundenen und öffentlich wahrnehmbaren Objekte begleiten durch ihre physische Präsenz das Leben des Menschen auf besonders intensive Weise.
Sie halten die Erinnerung dauernd wach. Diese Objekte können nicht übersehen oder weggelegt werden. Sie können allerdings der Gleichgültigkeit anheim fallen.
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Der geschichtliche Zeugniswert des Denkmals kann selbst durch einen Ersatz von hoher gestalterischer Qualität nicht aufgewogen werden.
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Wegen der grossen Bedeutung der Denkmäler hat die Gesellschaft die Verantwortung, diese zu schützen und für ihre ungeschmälerte Erhaltung zu sorgen. Sie tut dies gemeinsam mit den Eigentümerschaften, denen die Denkmäler anvertraut sind.
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Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege
LEITSÄTZE ZUR DENKMALPFLEGE IN DER SCHWEIZ
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Gedanken von Moritz Flury und Irene Hochreutener:


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Auch Heimat wandelt sich, und auch aus Neuem kann wieder Heimat werden. Es ist allerdings nachgewiesen, dass dieser Prozess schwieriger ist, je anonymer, beliebiger und austauschbarer das gebaute Umfeld ist. Je höher die architektonische Qualität, desto eher ist wohl eine Heimatbildung möglich. Dennoch kommt sie nie ohne Kontinuität aus; wird der Wandel zur Revolution, bleibt die Heimat auf der Strecke. In diesem Fall können keine noch so guten Neubauten die Vertrautheit der alten Umgebung ersetzen. Der Heimatschutz hält es deshalb mit dem St. Galler Architekten und Heimatkundler Salomon Schlatter, der sich 1922 nicht einfach gegen alles Neue wandte, aber eine scharfe Prüfung verlangte, ob es zu uns passe, nach dem Sprichwort „prüfet alles und behaltet das Beste.“
Im Verständnis des Heimatschutzes ist Heimat aber noch mehr als nur ein Bild, das durch Ersatzbauten in ähnlichen Proportionen und ähnlichen Materialien beliebig ausgewechselt werden kann. Heimat ist zum Anfassen, es ist der Baum mit der verknorzten Rinde, der schon damals dastand, und es ist auch das Haus mit der alten Türglocke und dem Schieberfenster, durch welches damals ein liebes Gesicht blickte.
Neben der emotionalen Heimat gibt es Geschichte, Vergangenheit und Herkunft, die genauso an der materiellen Hinterlassenschaft hängt. Aufgabe der Denkmalpflege ist es, diejenigen (bescheidenen) Teile unserer Dörfer, in denen Geschichte sich besonders konzentriert, materialisiert und erfahrbar geblieben ist, als authentische Zeugnisse, als gebautes Archiv für unsere Nachfahren zu bewahren. Seit dem eidgenössischen Natur- und Heimatschutzgesetz 1966 und dem dringlichen Bundesbeschluss über die Raumplanung 1972 habe die Kantone diese Verpflichtung zu erfüllen. Die heute gültigen Ortsbildschutzzonen sind die Umsetzung dieses Auftrages, der durch das Inventar der schützenswerten Ortsbilder Schweiz (ISOS) präzisiert wird.
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Denkmäler sind nicht Denkmäler weil sie ästhetische Vorstellungen befriedigen, sondern weil sie als unwiederbringliche Geschichtsträger unsere Herkunft materialisieren. Die Nachvollziehbarkeit historischer Entwicklung kann auch die Erhaltung eines unscheinbaren Gebäudes notwendig machen. Denkmalpflege ist immer und in erster Linie Anwältin des einmaligen kulturellen Vermächtnisses unsere Vorfahren – auch gegenüber hochgerühmten (aber oft schnell verblassten) neuen architektonischen Qualitäten.
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Wir haben nur eine historische Baukultur, ihre Bewahrung sowie an geeignetem Ort ihre rücksichtsvolle Weiterentwicklung ist das Hauptanliegen des Heimatschutzes Appenzell A.Rh.

Moritz Flury-Rova / Irene Hochreutener
Heimatschutz und Ortsbildschutz
Eine Nachlese der Heimatschutz-Sektion Appenzell-Ausserrhoden
zur Ausstellung „Bauen im Dorf“ in Stein

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